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Zusammen, aber doch getrennt? Vorstellungen von Russlands Platz in Europa an einer russischen Elitehochschule

Together but separate? Imaginations of Russia’s place in Europe at a Russian elite university
[Zeitschriftenartikel]

Müller, Martin

Zitationshinweis

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgenden Persistent Identifier (PID):http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-48061-8

Weitere Angaben:
Abstract Ist Russland ein Teil Europas? Die Antworten auf diese Frage fallen höchst unterschiedlich aus und markieren die Gräben zwischen geopolitischen Überzeugungen. In konstruktivistischer Forschung wird dieser Frage traditionell entweder anhand der Analyse von privilegierten Repräsentationen – Reden, politischen Pamphleten und Essays, massenmedialen Darstellungen – oder anhand von Meinungsumfragen in der Bevölkerung nachgegangen, um ein möglichst umfassendes, gesamtgesellschaftliches Bild zu erhalten. Im Gegensatz dazu nimmt der vorliegende Beitrag eine Mikroperspektive ein. Mit Material aus neunmonatiger ethnographischer Feldforschung versucht er unterschiedliche Artikulationen des Verhältnisses zwischen Europa und Russland am Beispiel des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (MGIMO) nachzuzeichnen. Das MGIMO nimmt eine exponierte Stellung in der russischen Gesellschaft ein: Als mit dem russischen Außenministerium verbundene Eliteuniversität gilt es als das akademische Zentrum für den Bereich Internationale Beziehungen im postsowjetischen Raum und bildet den Nachwuchs für den russischen Staatsdienst aus. Die Positionierung Russlands vis-à-vis Europa findet am MGIMO in ganz unterschiedlicher Weise statt: Grundsätzlich werden die Affinität Russlands zu Europa sowie die gemeinsamen Interessen, gerade im wirtschaftlichen Bereich, betont. Jedoch ist auch ein Gefühl der Ausgeschlossenheit von Europa festzustellen, das sich unter anderem aus der Enttäuschung über die Erweiterung von EU und NATO unter Missachtung russischer Interessen speist. Europa, so der Eindruck, sei an Russland als starkem und vollwertigem Partner nicht interessiert und nehme eine überhebliche Haltung ein: es wolle Russland das Attribut „europäisch“ nur dann zusprechen, wenn Russland seine Souveränität aufgebe und sich dem europäischen Ordnungsmodell beuge. Demgegenüber wird die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit Russlands von Europa herausgestellt. Russland benötige Europa nicht unbedingt, sondern könne sehr wohl für sich alleine stehen. Wenn Russland sich entschließe, engere Bindungen mit Europa einzugehen, dann von sich aus und nur unter Wahrung der russischen Interessen, nicht jedoch als Bittsteller oder weil man sich davon die Anerkennung als europäischer Staat erhoffe. Am MGIMO sind die Vorstellungen von Russlands Platz in Europa also eher Vorstellungen von Russlands Platz neben Europa, bei dem Russland sich unabhängig und selbstbewusst entscheidet, bis zu welchem Grad es als europäisch gelten will.

Is Russia a part of Europe or apart from Europe? Answers to this question vary considerably and mark the fault lines between different geopolitical camps. In constructivist social science research this question has traditionally been dealt with by either analysing privileged representations – speeches, political pamphlets and essays, mass media – or conducting opinion polls. Both approaches aim to establish a comprehensive societal picture of Russian geopolitical identity vis-à-vis Europe. This article, in contrast, adopts a micro perspective and looks at the different articulations of the relationship between Russia and Europe at Moscow State Institute of International Relations (MGIMO) using data from nine months of ethnographic research. MGIMO occupies a prominent place in Russian society: Affiliated with the Russian Foreign Ministry, the university acts as the premier academic centre for training in International Relations in the post-Soviet space and educates cadres for service in Russian state institutions. The imaginary positioning of Russia vis-à-vis Europe at MGIMO takes place in different ways: Although Russia’s affinity to Europe and the common interests of Russia and Europe, especially in the economic realm, are emphasised, there prevails a feeling of exclusion from Europe. This feeling is related to the enlargement of EU and NATO which, it is held, occurred in conscious neglect of Russian interests. Europe is seen to be interested in having a strong Russia as a fully-fledged partner and is looking down on Russia: it is only if Russia surrenders its sovereignty and subordinates itself to the European model that a European identity will ever be conferred on it. With such prospects, representations at MGIMO take a more assertive stance of Russia’s relationship to Europe and tend to foreground Russia’s self-sufficiency and its independence from Europe. Russia does not need Europe but can well stand on its own. Respondents argue that if Russia should decide to build up closer associations with Europe, it will do so by its own choosing and own will and not as a supplicant or because it would be hoping for recognition as a European state. At MGIMO imaginations of Russia’s place in Europe therefore tend to be imaginations of Russia’s place next to Europe – a place in which Russia decides independently and self-consciously to what degree it wants to become or not become European.
Thesaurusschlagwörter Russia; Europe; EU; identity; geopolitics; student; perception; ethnography; political relations; EU policy; foreign policy; pressure-group politics; interest sphere; international leading power; international interdependence; non-intervention; international cooperation; example; eastwards expansion; NATO; european identity
Klassifikation internationale Beziehungen, Entwicklungspolitik
Freie Schlagwörter politische Geographie; kritische Geographie
Sprache Dokument Deutsch
Publikationsjahr 2007
Seitenangabe S. 199-208
Zeitschriftentitel Europa Regional, 15 (2007) 4
ISSN 0943-7142
Status Veröffentlichungsversion; begutachtet
Lizenz Deposit Licence - Keine Weiterverbreitung, keine Bearbeitung
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