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Keine Professionalisierung ohne Genderwissen: zum Wandel der Gleichstellungsarbeit im hochschulischen Reformprozess

[Zeitschriftenartikel]

Vollmer, Lina

Zitationshinweis

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgenden Persistent Identifier (PID):http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-47017-9

Weitere Angaben:
Abstract Aufgrund externer Anforderungen an die hochschulische Gleichstellungsarbeit sind Hochschulen in den letzten Jahren unter Druck geraten mehr für die Chancengleichheit von Männern und Frauen zu tun. Gleichzeitig wird heute auch gefordert, dass sich die Gleichstellungspolitik vor dem Hintergrund neuer Steuerungsmechanismen im Sinne des New Public Managements an Effizienzansprüchen misst (Blome et al. 2014; Macha et al. 2011; Zimmermann 2003). Diese veränderten Rahmenbedingungen haben die Gleichstellungsarbeit drastisch verändert und den Aufgaben- und Kompetenzbereich von Gleichstellungspraktikerinnen stark ausgeweitet (Blome et al. 2014). Vor diesem Hintergrund ist seit einigen Jahren in der Geschlechterforschung von Professionalisierungsprozessen in der Gleichstellungspolitik die Rede (Riegraf und Vollmer 2014; Meuser und Riegraf 2010; Meuser 2006). Um bei den gleichstellungspolitischen Förderprogrammen zu bestehen und Steuerungsinstrumente für Gleichstellungsbelange sinnvoll zu nutzen sind die Rektorate auf die Genderkompetenz ihrer Gleichstellungspraktikerinnen angewiesen. Die für die moderne Gleichstellungspolitik notwendigen Kompetenzen umfassen dabei mehr als nur das Wissen über die Verhältnisse sozialer Ungleichheit der Geschlechter, sondern beziehen sich auch auf Wissensbestände aus Management und Personalführung sowie im Falle der Hochschulen auf Wissen zu hochschulpolitischen Prozessen und den Besonderheiten der Hochschule als Organisation (Meuser 2006). Die Verknüpfung dieser genderunspezifischen Wissensbestände mit dem spezifischen Wissen um Geschlechterverhältnisse macht laut Meuser "diejenige Genderkompetenz aus, auf die sich die Professionalisierungsbemühungen richten" (Meuser 2006, S. 3207). Aus der Professionsforschung ist die zentrale Bedeutung von wissenschaftlich fundiertem Expertenwissen für die Professionalisierung einer Tätigkeitgruppe bekannt, denn Professionalisierungsprozesse gehen stets mit einer Verwissenschaftlichung einher. Im Falle der Gleichstellungsarbeit ist daher ein stetiger Bezug zur Geschlechterforschung für eine weitere Professionalisierung fundamental (Vollmer und Mosel 2014; Vollmer 2014). Mit der Institutionalisierung von Gender Studies-Studiengängen steht den Gleichstellungsakteurinnen zwar ein großer Fundus an theoretisch-wissenschaftlichem Geschlechterwissen parat (Metz-Göckel 2004; Liebig 2004), jedoch gilt das theoretische Wissen zu großen Teilen als nicht anschlussfähig an die Gleichstellungspraxis (Wetterer 2009b, 2009a; Harzer 2009). Die Frage nach der Zusammensetzung von Genderexpertise bzw. eines für die Gleichstellungsarbeit notwendigen Kompetenzprofils wurde bisher ungenügend und überwiegend theoretisch beantwortet. Gleichzeitig bleibt bisher unklar wie die Gleichstellungspraktikerinnen selbst die Bedeutung der Geschlechterforschung und feministischer Ansätze für ihren Arbeitsalltag einschätzen und welche Ausgangsbedingungen für einen Wissenschaft-Praxis-Transfer in der hochschulischen Gleichstellungsarbeit gegeben sind. Der Artikel behandelt diese Aspekte mithilfe von Daten einer quantitativen Befragung und einer qualitativen Interviewstudie mit hochschulischen Gleichstellungsakteurinnen, welche im Rahmen eines Forschungsprojektes am Kompetenzzentrum Frauen und Wissenschaft CEWS im Jahr 2012 erhoben wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass während ein Konsens darüber herrscht, dass sich Gleichstellungsexpertise zu einem großen Teil aus Kenntnissen des Wissenschafts- bzw. Hochschulsystems sowie Soft Skills wie Verhandlungsgeschick zusammensetzt, hängt die Bewertung der Geschlechterforschung von dem eigenen gendertheoretischem Bezug der Akteurinnen ab. So wird deutlich, dass ein beachtlicher Teil der Gleichstellungspraktikerinnen zwar über geschlechtertheoretisches Vorwissen verfügt, deren Nutzen für die Praxis jedoch sehr unterschiedlich bewertet wird. Während sich dabei auf der quantitativen Ebene ein positiver Zusammenhang zwischen dem Umfang des eigenen geschlechtertheoretischen Hintergrunds und dem zugesprochenem Stellenwert dieses Wissens für die Praxis zeigt, verdeutlicht die qualitative Studie wie dieser Zusammenhang auf der Individualebene zustande kommen kann. So offenbaren die Interviews ein breites Spektrum gleichstellungspolitischer Akteurinnen, welches anhand einer Typologie verdeutlicht wird. Diese reicht von dem sehr gut geschlechtertheoretisch ausgebildeten Typ der Engagierten Genderexpertin bis hin zum Typ der Genderskeptikerin, die sich klar vom Feminismus distanzieren und Geschlechterforschung als unwissenschaftlich marginalisiert. Eine weitere Erkenntnis der Untersuchung ist das Fehlen eines institutionalisierten Wissenschaft-Praxis-Transfers. Während aus der quantitativen Studie hervorgeht, dass die Akteurinnen vor allem informelle Strategien der Informationsbeschaffung nutzen um sich relevante Kompetenzen für ihren Arbeitsalltag anzueignen, zeigt sich in den Interviews, dass es konkret an Akteurinnen und institutionalisierten Begegnungsräumen fehlt, die eine Übersetzungsleistung zwischen Geschlechtertheorie und Gleichstellungspraxis leisten könnten. So wird insgesamt einerseits ein Brachliegen wertvollen gleichstellungspraxisrelevanten Wissens deutlich und andererseits das Fehlen eines einheitlichen Kompetenzprofils der Gleichstellungspraktikerin, welches Qualitätsstandards für einen gelungenen Wissenschaft-Praxis-Transfers zu Geschlechterwissen beinhalten müsste. Für das Streben der hochschulischen Gleichstellungarbeit nach Aufwertung findet sich hier ein entscheidender Ansatzpunkt. (Autorenreferat)

Due to changing governance and an increased demand for quality in gender politics, gender equality work in higher education experienced professionalization processes. This paper argues that the use of scientific gender knowledge plays a crucial role in further professionalization of gender equality practices. Two surveys presented in this paper -one of them quantitative and the other qualitative- point out that scientific gender knowledge is evaluated very differently by the questioned actors. As some of them are skeptical towards gender issues, these results may indicate the need for a defined minimum standard for the use of gender knowledge in gender equality work. (author's abstract)
Thesaurusschlagwörter affirmative action; university; professionalization; gender; equal opportunity policy; man; woman; equal opportunity; gender studies; gender relations
Klassifikation Frauen- und Geschlechterforschung; Bildungswesen tertiärer Bereich
Sprache Dokument Deutsch
Publikationsjahr 2016
Seitenangabe S. 56-71
Zeitschriftentitel Feministische Studien (2016) 1
Heftthema Universitäten im Wandel - Innenansichten aus der reformierten Hochschule
ISSN 0723-5186
Status Erstveröffentlichung; begutachtet (peer reviewed)
Lizenz Creative Commons - Namensnennung
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