Weiterempfehlen

Bookmark and Share


Das Verstehen des Fremden als Scheideweg hermeneutischer Methoden in den Erfahrungswissenschaften

[Zeitschriftenartikel]

Oevermann, Ulrich

Zitationshinweis

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgenden Persistent Identifier (PID):http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-280450

Weitere Angaben:
Abstract "Das Problem des Verstehens des Fremden wird seinerseits problematisiert, und dies wird zum Anlass für Unterscheidungen in einer sinnverstehenden Methodologie genommen, die für die Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt (Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften) insgesamt folgenreich sind. Auf der Grundlage der einfachen Feststellung, dass das Verstehen als solches durch das Fremde provoziert wird, wird die traditionelle philosophische und geisteswissenschaftliche Hermeneutik mit ihrer Betonung der Überwindung der historischen Distanz und der Bedeutung des vorgängigen Wissens im hermeneutischen Zirkel dem praktischen Verstehen und der Analyse der Bedingung seiner Möglichkeit zugeordnet. Damit dieses erfahrungswissenschaftlich analysiert werden kann, bedarf es jedoch eines ganz anderen, auf den objektiven Sinn von Ausdrucksgestalten und nicht nachvollziehend auf den subjektiven Sinn gerichteten methodischen Verstehens, das seinerseits sich erst in der Romantik aus dem praktischen Verstehen entwickelt hat, sofern dieses nicht mehr wie bei Kaufleuten, Kriegern, Politikern und Missionaren zweckgerichteter Tätigkeit entsprang, sondern aus dem Interesse am Fremden um seiner selbst willen sich ergab, wie es für den müßigen Reisenden oder den Künstler typisch war und dann für die Institutionalisierung der erfahrungswissenschaftlichen Erforschung der Gegenstände des Geistes in der Humboldt-Universität grundsätzlich bereitlag. Es wird dann gezeigt, inwiefern die Ausarbeitung eines methodischen Verstehens im scharfen Kontrast zum praktischen Verstehen bis heute durch das Erbe des neukantianischen Denkens behindert wird. Dafür werden vier Gründe angegeben. Es wird aufgewiesen, welche verhängnisvollen Konsequenzen die mangelnde Differenzierung von subjektivem und objektivem Geist bis heute hat, und die Grundprinzipien des methodischen Verstehens werden entwickelt. Darauf stützt sich die Kritik am Kulturrelativismus, an der Verwendung des Begriffs von Rationalität als theoretischen Konzepts, an den ethnographischen Methoden und der Tiefenhermeneutik. Es wird dann entfaltet, warum für das methodische Verstehen in Umkehrung der Problemlage für das praktische Verstehen das Fremde als Gegenstand weniger Probleme aufwirft als das Verstehen des Eigenen und inwiefern das methodische Verstehen des Fremden zugleich ein Weg zum Verstehen des Eigenen sein kann. Von daher erweisen sich alle Problematisierungen eines Nostrozentrismus im Verstehen als Folge einer Verwechslung des methodischen mit dem praktischen Verstehen bzw. von deren Gleichsetzung. Von dieser These aus wird gezeigt, warum es sich bei der Gegenüberstellung von Ethnozentrismus und Kulturrelativismus um gleichermaßen unhaltbare Positionen handelt und worin die Synthese der Überwindung dieser Schein-Alternative besteht. In einem Exkurs dazu wird mit der analytischen Unterscheidung der Kategorien des Fremden und des Feindes aufgewiesen, warum der Ausdruck 'Fremdenfeindlichkeit' einen Kategorienfehler enthält, der in den gesinnungsethischen Aktionen einer Mehrheit gegen eine 'fremdenfeindliche' Minderheit seine praktische Fortsetzung der fundamentalistischen Erosion nationalstaatlicher Souveränität und ihrer demokratischen Institutionen findet." (Autorenreferat)

"Of seeing a principal problem in understanding the strange and the stranger is made a problem in itself, and this is utilized as a starting point for making basic distinctions in the methodology of understanding meanings, which are supposed to be of substantial consequences for the empirical sciences of the meaning-structured experiential word (i.e. cultural and social sciences and the humanities). On the basis of the simple fact, that the operation of understanding is provoked by the strange as such, the traditional hermeneutics in philosophy and the humanities with their emphasis on the transgression of the historical distance and the importance of the preceding knowledge in the logic of the hermeneutic circle are identified with the operation of practical understanding and the conditions of their possibility. In order to be able to analyse these operations of practical understanding empirical science must be based on procedures of methodical understanding, which is addressed towards the objective meanings of expressive formations and does not consist in the taking the perspective of the subjective meaning of actors, whose actions are to be analysed. These procedures of methodical understanding emerged in the romantic epoch within the idle habitus of the traveller or the artist who were interested in the strange for its own sake and not in an interested, goal-oriented mode as was the merchant or the missionary. As such these procedures prepared methodologically the institutionalisation of the humanities as a branch of empirical sciences in the philosophical faculty of the Humboldtian University. It is then shown, why the elaboration and utilization of the methodological potential of these procedures were and are until now systematically hampered by the neo-kantian tradition of epistemology and why according to this tradition the sharp analytical distinction between practical and methodical understanding is dissolved. Four reasons are specified. The fatal consequences of breaking off the difference between the movements and objectivizations of subjective and objective 'Geist' are shown and the basic principles of methodical understanding are developed. On this ground cultural relativism, the concept of rationality, ethnographic methods and the so called 'Tiefenhermeneutik' is criticized. It is then shown, why – in contrast to the operations of practical understanding - for the methodical understanding the strange raises much less difficulties than the own and why the methodical understanding of the strange is at the same time a way to a better understanding of the own. From this point of view it results, that making a problem of nostrocentrism is the consequence of the categorical mistake of confusing methodical understanding with practical understanding. On this basis the alternative or dichotomy of ethnocentrism and cultural relativism turns out as a pseudo-contradiction, and the synthesis, which overcomes this false construction of an alternative, is developed. In a short divergence is with respect to the analytical difference between the categories of enemy and stranger demonstrated why the concept of 'Fremdenfeindlichkeit' (hostility against strangers) contains a categorical fallacy, which finds its practical prolongation in the actions of a majority pretending noble-mindedness against a xenophobic minority – a continuity of a fundamentalistic erosion of the sovereignty of a national state and its institutions." (author's abstract)
Thesaurusschlagwörter understanding; hermeneutics; cultural anthropology; cultural sociology; cultural relativism; rationality; foreignness; methodological research; evaluation
Klassifikation Ethnologie, Kulturanthropologie, Ethnosoziologie
Sprache Dokument Deutsch
Publikationsjahr 2001
Seitenangabe S. 67-92
Zeitschriftentitel Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung, 2 (2001) 1
Status Veröffentlichungsversion; begutachtet
Lizenz Deposit Licence - Keine Weiterverbreitung, keine Bearbeitung
top