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Normal, natürlich und künstlich in der amtlichen Statistik

Normal, natural and artificial in official statistics
[Konferenzbeitrag]

Köhler, Benedikt

Zitationshinweis

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgenden Persistent Identifier (PID):http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-152388

Weitere Angaben:
Körperschaftlicher Herausgeber Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Abstract "Die Schlüsselunterscheidung zwischen natürlich und künstlich - dies ist der Ausgangspunkt des hier skizzierten Vortrags - unterscheidet nicht nur auf einer kosmologischen Ebene zwischen der Natur als dem, was sich der menschlichen Hervorbringung oder Formbarkeit entzieht, und dem Künstlichen als dem Menschengemachten oder gesellschaftlich Konstruierten. Diese Differenz wird vielmehr auch im Bereich der Gesellschaft selbst angewandt, um dort natürliche Strukturen von ihren künstlichen Repräsentationen zu trennen. Eine wichtige, für die Konstruktion und Aufrechterhaltung dieser Differenz zuständige gesellschaftliche Institution ist seit dem 19. Jahrhundert die amtliche Statistik. Das Beispiel, das im Zentrum dieses Vortrags steht, ist dem Feld der Arbeitslosen- beziehungsweise Erwerbslosenstatistik entnommen: Hier stößt man immer wieder auf das Konzept einer 'normalen' oder eben 'natürlichen' Arbeitslosigkeit, die sich jeglicher menschlicher Intervention, sei es eine technische, politische oder demographische, entzieht. Zum anderen findet man hier zugleich aber auch den Gegenbegriff der 'künstlichen' Arbeitslosenzahl, die nicht einer 'natürlichen' gesellschaftlichen Realität entspricht, sondern sich auf wahlkampftaktische Kalküle, die Eigenart des Verwaltungshandelns oder gar die Hinterlist der beobachteten Subjekte ('Florida Rolf') zurückführen lässt. Der hier skizzierte Vortrag nähert sich diesem Zusammenhang in vier Schritten: 1. Zunächst richtet sich der Blick auf die kontingente und historisch variable Verknüpfung zwischen dem wahrscheinlichkeitstheoretischen Begriff des Normalen mit dem lebensweltlichen und zum Teil sogar ontologischen Konzept des Natürlichen. Diese Kopplung geht auf die Anfänge der quantitativen Statistik (Süßmilch, Halley) zurück, spielt jedoch auch im modernen Diskurs der Arbeitslosen- und Arbeitsmarktstatistik eine Schlüsselrolle. Hier zeigt sich, wie statistische Regelmäßigkeiten in gesellschaftliche Strukturen umgewandelt werden, die als natürlich erscheinen - eine Transformation, an der im Übrigen die Soziologie maßgeblich beteiligt ist. 2. Sehr schnell zeigt sich jedoch, dass diese Differenz zwischen natürlich und künstlich keineswegs so einheitlich ist, wie es zunächst scheint, sondern in verschiedenen Diskursen zugleich beheimatet ist. Die Unterscheidung kann folglich je nach Kontext als politische Instrumentalisierung, (sozial)wissenschaftliches Adäquationsproblem oder als statistisch-administrative Qualitätsfrage erscheinen. 3. An diese beiden Beobachtungen schließt sich nun die Frage nach der Funktion dieser Verbindung an, die jeweils im Blick auf die einzelnen Diskurse, ihre Akteure und Bedeutungsstrukturen untersucht werden muss. So kann zum Beispiel die Übersetzung des statistischen Begriffs 'normal' in die eher lebensweltliche Differenz von natürlich und künstlich als politische Handlungsentlastung wirken, da eine Einwirkung auf das Natürliche nicht möglich und auf das Künstliche nicht nötig ist. 4. Dies lässt sich jedoch nicht allein auf der Ebene der Diskurse analysieren, sondern muss auch in den Rückwirkungen auf die Subjekte näher betrachtet werden. Damit lassen sich abschließend Anschlüsse zur den mittlerweile umfangreichen Forschungsliteraturen zu Subjektivierung (Foucault), Normalismus (Link) und der 'Erfindung von Personen' (Hacking) herstellen, wobei hier nicht der Aspekt der statistischen Subjektivierung als solche im Mittelpunkt steht, sondern die Rolle, die Labels wie 'natürlich' und 'künstlich' in diesem Zusammenhang spielen." (Autorenreferat)
Thesaurusschlagwörter Federal Republic of Germany; official statistics; historical analysis; nineteenth century; unemployment; unemployment; probability; theory; quantitative method; statistics; discourse; normality; sociology; lebenswelt; concept; impact; subject; subjectivity; Foucault, M.
Klassifikation Allgemeines zu den Sozialwissenschaften, Entwicklung und Geschichte der Sozialwissenschaften; Erhebungstechniken und Analysetechniken der Sozialwissenschaften; Sozialgeschichte, historische Sozialforschung
Methode Dokumentation; historisch; Theorieanwendung
Titel Sammelwerk, Herausgeber- oder Konferenzband Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2
Herausgeber Rehberg, Karl-Siegbert
Konferenz 33. Kongress "Die Natur der Gesellschaft". Kassel, 2006
Sprache Dokument Deutsch
Publikationsjahr 2008
Verlag Campus Verl.
Erscheinungsort Frankfurt am Main
Seitenangabe S. 1805-1814
ISBN 978-3-593-38440-5
Status Veröffentlichungsversion; begutachtet
Lizenz Deposit Licence - Keine Weiterverbreitung, keine Bearbeitung
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